Sei es im Wasserstoffsektor, der Kreislaufwirtschaft oder bei Tech-Neugründungen – die Länder des Südlichen Afrikas stellen sich wirtschaftlich zukunftsorientiert auf, was für baden-württembergische Unternehmen vielseitige Geschäftschancen eröffnet. Alexa Gerrard vertritt als Wirtschaftsrepräsentantin seit dem 01. April 2025 Baden-Württemberg in Südafrika. Ihre langjährige Erfahrung in der Region macht sie zur idealen Wegbegleiterin für südwestdeutsche Firmen mit Expansionsplänen. Im Interview verrät sie, welche Branchen besonders viel Potenzial für einen Markteinstieg bieten und wie Partnerschaften zum Erfolg werden.
Seit diesem Jahr sind Sie neue Wirtschaftsrepräsentantin des Landes Baden-Württemberg für das Südliche Afrika. Haben Sie sich mittlerweile gut in der Rolle eingefunden? Was hat Sie dazu motiviert, diese Tätigkeit anzunehmen?
Alexa Gerrad: Ja, absolut. Die Arbeit gefällt mir sehr gut und macht mir viel Spaß. Ich wollte Wirtschaftsrepräsentantin für das Südliche Afrika werden, weil ich schon länger bei der dort ansässigen AHK tätig bin und ein gutes Netzwerk in der Region aufgebaut habe. Das würde ich gerne nutzen, um baden-württembergische Unternehmen beim Markteintritt zu unterstützen.
Was zeichnet Südafrikas Wirtschaft aus? Welche Branchen bieten baden-württembergischen Unternehmen gute Geschäftsmöglichkeiten?
Südafrika ist und bleibt ein sehr wichtiger Standort für deutsche Firmen im Südlichen Afrika und gilt als strategisches Tor in die Region. Das Land bietet eine diversifizierte Wirtschaft, eine sehr breit aufgestellte industrielle Basis und eine relativ gute Infrastruktur im afrikanischen Vergleich. Zudem hat es eine stabile Demokratie mit Rechtsstaatlichkeit und starken Institutionen. Gute Geschäftschancen bieten folgende Sektoren:
Südafrika hat eines der ältesten Start-up-Ökosysteme des afrikanischen Kontinents. Wie entwickelt sich die Szene und welches Potenzial sehen Sie darin für baden-württembergische Firmen?
Südafrika ist einer der Top-Vier-Standorte für Start-ups auf dem afrikanischen Kontinent. Wir haben ca. 660 Start-ups und seit 2024 ein Unicorn: Tyme, ein junges Unternehmen aus dem Banking-Bereich. Die Hauptstandorte für Start-ups in Südafrika sind Kapstadt und Johannesburg. Bezüglich Neugründungen ist Kapstadt weiter als Johannesburg und beide Städte bespielen überwiegend den Tech-Sektor. In Johannesburg ist vor allem Fin-Tech stark ausgeprägt. Die Bereiche MedTech und BioTech sind in Kapstadt gut vertreten, aber auch die Felder Hightech, DeepTech und CleanTech. Für südwestdeutsche Unternehmen bieten sich durch Investitionen und Kooperationen gute Geschäftsmöglichkeiten. Sie können aber auch ein kleines Start-up kaufen und nach Deutschland bringen.
Als Wirtschaftsrepräsentantin vertreten Sie Baden-Württemberg auch in weiteren südafrikanischen Ländern wie z.B. Namibia und Botswana. Gibt es Sektoren in diesen Ländern, die besonders vielversprechend für einen Markteinstieg sind?
Zur Region gehören insgesamt 12 Länder. Sie erstreckt sich bis zur Demokratischen Republik Kongo, aber inkludiert auch Madagaskar und Mauritius. Die meisten Länder des Südlichen Afrikas sind stark vom Bergbau abhängig und müssen ihre Wirtschaften diversifizieren, um zu wachsen und global konkurrenzfähig zu werden. Das eröffnet zahlreiche Geschäftschancen. Namibia plant z.B. schon seit einigen Jahren, sich im Wasserstoffsektor prominenter darzustellen. Es bestehen bereits Pilotprojekte, was für Firmen aus dem deutschen Südwesten gute Kooperationsmöglichkeiten mit lokalen Akteuren bietet. Botswana ist schon lange sehr stark vom Diamantenabbau abhängig. Der Sektor bricht aber gerade ein, weshalb auch sie sich breiter aufstellen müssen. Das Land investiert viel in Erneuerbare Energien, um sich als Energiehub im Südlichen Afrika zu positionieren. Da die gesamte Region sehr trocken ist, benötigt sie zudem Technologien für das Wassermanagement. Zudem gewinnt die Abfallwirtschaft an Bedeutung. Bis jetzt wird nur in Südafrika Kreislaufwirtschaft betrieben, aber das Thema weckt mittlerweile auch in weiteren Ländern mehr Interesse. Außerdem versuchen sich Namibia und Mosambik durch ihre Häfen als Logistikzentren zu etablieren, was gute Expansionsmöglichkeiten verspricht.
Welche kulturellen Unterschiede sollten südwestdeutsche Firmen bei einem Markteintritt beachten?
Das Geschäftstempo im Südlichen Afrika ist etwas langsamer als in Deutschland; man sollte vor allem auf Beziehungen und Vertrauen bauen. Das heißt, man muss nach Südafrika reisen, um mögliche Geschäftspartner persönlich kennenzulernen und Vertrauen zu schaffen - dann laufen die Geschäfte gut. Man kann nicht erwarten, dass man von heute auf morgen Riesenaufträge bekommt, ohne dass man sich diese Zeit für Unternehmen vor Ort nimmt. Es ist auch wichtig darauf zu achten, dass die Dienstleistungen und Produkte zu den im Südlichen Afrika gebrauchten Lösungen passen und man sie auf die lokalen Bedürfnisse zuschneidet. Für eine südafrikanische Firma ist es nicht so wichtig, dass ein Unternehmen aus Baden-Württemberg 500 Jahre alt ist. Was zählt, ist, dass es ein Produkt liefert, das ein spezifisches Problem löst. Hier können wir als Wirtschaftsrepräsentanz beraten und darüber aufklären, für welche Herausforderungen Lösungen gesucht werden.
Mit welchen weiteren Services unterstützt die Wirtschaftsrepräsentanz baden-württembergische Unternehmen bei einem Markteinstieg in Südafrika?
Wir unterstützen bei Erstberatungen, Erstinformationen und der Vermittlung von Erstkontakten für Kooperationen. Wenn ein Unternehmen also erste Informationen zum südafrikanischen Markt braucht oder evaluieren möchte, ob die Region überhaupt die richtige ist, stehen wir ihm zur Seite. Wir helfen baden-württembergischen Firmen auch bei der Gründung einer Niederlassung im Südlichen Afrika, indem wir den Prozess begleiten, z.B. mithilfe relevanter Institutionen vor Ort.
Auch Unternehmen, die noch nicht wissen, was sie in Südafrika machen sollen, können gerne bei uns anklopfen. Es ist viel vom Chancenkontinent Afrika die Rede, aber Unternehmen wissen oft nicht, wo sie anfangen sollen. Als Wirtschaftsrepräsentanz beraten wir sie gerne und finden mögliche Anknüpfungspunkte.
Zur Vernetzung baden-württembergischer Unternehmen mit südafrikanischen Partnern begleiten Sie auch Delegationsreisen wie z.B. die von BW_i organisierte Reise im Mai 2025 zum Thema Wasser- und Abwassermanagement nach Johannesburg und Durban. Warum lohnt es sich für südwestdeutsche Firmen, an Delegationsreisen teilzunehmen?
Delegationsreisen ermöglichen einen vertrauensvollen Zugang zu wichtigen Entscheidungsträgern und relevanten Projektpartnern vor Ort. Von Deutschland aus oder bei einer individuellen Reise ist das schwerer zu erreichen, als wenn man mit einer begleitenden Gruppe unterwegs ist. Unternehmen gewinnen im Rahmen solcher Reisen Marktkenntnisse und gehen auf Referenzbesuche. Durch den offiziellen Rahmen profitieren sie von einer höheren Glaubwürdigkeit. Auch innerhalb der Delegation entstehen Partnerschaften und gemeinsame Lösungsansätze zwischen südwestdeutschen Firmen. Diese sind sehr wertvoll, weil die Unternehmen im gleichen Bereich tätig sind und anschließend z.B. ein Konsortialprojekt verfolgen können. Sie lernen auch voneinander, da manche Teilnehmenden bereits länger in Südafrika aktiv sind. Aus solchen Reisen ergeben sich häufig Pilotprojekte, Absichtserklärungen, MoUs oder Folgeinitiativen, die dann auch von der Wirtschaftsrepräsentanz begleitet werden können.
Bei der Delegationsreise im Mai 2025 zum Thema Wasser- und Abwassermanagement besuchten wir z.B. Institutionen, die deutsche Botschaft, GTAI und AHK vor Ort, um südwestdeutschen Firmen einen Überblick über die Marktbedingungen zu vermitteln. Dazu gehörten auch Informationen zum Investitionsklima und öffentlichen Beschaffungsprozessen. Wir haben eine Nachhaltigkeits-Konferenz in Johannesburg besucht, die südafrikanische Unternehmen, Verbände und Versorgungsbetriebe mit deutschen KMU vernetzte. Baden-württembergische Unternehmen konnten dort ihre Technologien vorstellen und mit lokalen Akteuren sowie Stakeholdern austauschen und so direkt Anknüpfungspunkte finden. Natürlich besuchten wir auch Betriebe mit praxisbezogenen Einblicken in technische und regulatorische Herausforderungen. Hier erfuhren die Teilnehmenden direkt, für welche Lösungen Kooperationspotenziale bestehen.
Sie möchten noch mehr über Südafrikas Geschäftsmöglichkeiten im Wasser- und Abwassermanagement erfahren? Dann lesen Sie gerne unseren Artikel zum Thema mit weiterführenden Informationen.
→ Zur Wirtschaftsrepräsentanz in Südafrika
Bild: Duan